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Sidney zu Fuss

Die Haut an den Fingern war nach den zwei weiteren Klettertagen schon wieder weg und die Muckis immer noch müde, alle Kleider bereits gewaschen und die Wetteraussichten nicht allzu schlecht. Was liegt da näher, als das nahe gelegene Sidney mal in Augenschein zu nehmen. Wie wir uns im Voraus bereits informiert hatten, war es super ÖV-zugänglich per Zug (jede halbe Stunde von Blackheath aus), und dazu noch günstig: bloss 11.40$ für ein Ticket, mit dem man bis am darauffolgenden Tag nachmittags um vier (!) zurückfahren konnte. Und das für eine über zweistündige Fahrt; da sollten sich die SBB mal ein Beispiel nehmen … Wir für unseren Teil hatten jedenfalls keine Lust, mit unserem Glamourcamper nach Sidney zu rasseln, uns da zu verfahren, im blödsten Fall auf einer Toll Road, die auch noch kostet, dann noch einen Parkplatz zu suchen (Manly Beach: 5$/h) und dann nicht mal ein Bierchen zwitschern zu können, wenn wir schon mal auswärts essen gingen. Also übernachteten wir auf dem anderen, bisher links (resp. rechts beim runterfahren) liegengelassenen Gratis-Camping, der mitten im Wald (ohne Morgensonne), aber näher bei Blackheath lag, und stellten den Wecker auf Viertel nach fünf.

Am Bahnhof beim Automaten stellten wir dann fest, dass das Ticket am Wochenende etwas teurer ist, aber nicht viel, und der vorbereitete 20-Dollar-Schein pro Nase reichte noch immer locker (16irgendwas). Leider gab es keinen Kaffeeautomaten, so musste die Koffeinsucht also warten bis Sidney. Dafür aber hat Blackheath noch einen richtigen Bahnhofvorstand, der mit seiner Fahne dem Zug das Abfahrtssignal gibt, richtig nostalgisch, gell Urs (Zwissitsch, nicht Schmeh)? Auch im Zug sind die Australier äusserst pragmatisch. Zwar sind die Wagen etwas siffig, dafür kann man bei etlichen Bänken die Lehne kippen, je nach Gusto für Fahrtrichtung oder Zweier- oder Viererabteil. Was aber in australischen Zügen genauso ätzend ist wie in Schweizer Exemplaren: die Klimaanlage.

Dick eingemummelt kamen wir um halb neun mit vielen Pendlern in Sidney an. Also erst mal eine Stadtkarte (irgendwann waren es dann vier) besorgen und dann mal Richtung Town Hall loszotteln. Wir hatten nämlich von Campingbekanntschaften den guten Tipp bekommen, dass dort jeweils morgens und nachmittags Gratisführungen starten. Eine Initiative von jungen Stadtbewohnern, die es allen Besuchern unabhängig ihres Budgets ermöglichen möchten, die Stadt kennen zu lernen (die Karte verzeichnet Tages- und Nachtaktivitäten, die umsonst sind sowie günstige Verkehrsverbindungen in der Stadt). Wir gingen also erst mal einen Kaffee trinken und Frühstücken und beschafften uns eine dieser grünen Sidney-for-free-Maps. Danach lungerten wir noch eine ganze Weile vor der Town Hall rum, weil die Führung leider erst um halb elf, statt wie erinnert um zehn losging. Doch Lisa, mit grünem T-Shirt (Aufdruck: I’m free), erschien frühzeitig, und so konnten wir uns schon etwas einstimmen.

Bis es losging, waren beinahe 60 Personen versammelt, die alle an dieser Gratisführung teilnehmen wollten. Die war ausgeschrieben für eine Dauer von drei Stunden (zu Fuss), und wir machten uns angesichts des äusserst unterschiedlichen Publikums und der Menge so unsere Gedanken, doch Lisa machte ihre Sache grossartig. Wir haben bestimmt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Innenstadt, ihren historischen Hintergrund und einige witzige Merkwürdigkeiten um Gebäude und ihre Geschichten mitbekommen. Äusserst amüsant beispielsweise, dass Sidneys erstes Krankenhaus nur dank Geldern gebaut werden konnte, die die Stadt dafür bekam,dass sie zweien Grossindustriellen für drei oder fünf Jahre (ungefähr halt) die Alleinlizenz zum Alkoholverkauf ausrichtete. Entsprechend erhielt das Gebäude den treffenden Namen The Rum Hospital. Eine weitere belustigende Tatsache scheint zu sein, das die Stadt historische Gebäude, die nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck gebraucht werden, zu Parkhäusern umfunktioniert (unter anderem Teile des Rum Hospital). Pünktlich zum Abstecher in the Rocks, die berühmt-berüchtigte Altstadt Sidneys, trafen wir dann verschiedene Trachtengruppen an, einheimische und andere. Schliesslich kamen wir (die Gruppe war jetzt doch merklich kleiner geworden) beim Aussichtsturm am Hafen an, wo Lisa ihr wohlverdientes Trinkgeld in Empfang nahm und auch danach noch weitere Fragen geduldig beantwortete (die Führungen sind Tip based, jeder gibt, was es ihm wert war).

Wir wurden auf dem Weg zum Hafen von einem internationalen Wettbewerb verschiedener Gymnastikgruppen aufgehalten, wo wir gerne auf der Wiese unseren Füssen etwas Erholung gönnten. Anschliessend bewaffneten wir uns mit einem leckeren Eis und kauften uns ein Retourbillet für die Fähre nach Manly. Leider war das Aussendeck wegen eines tobenden Bienenschwarms gesperrt, doch hübsche Ausblicke auf das Opernhaus aus allen Blickwinkeln gab es auch so. Auch den Harbour Rock, der scheints einem japanischen U-Boot im WWII zum Verhängnis geworden war, umschifften wir gekonnt und landeten in Manly, wo aber leider gar nicht Markt war, wie wir gemeint hatten. Janu, so gingen wir halt zur Manly Beach, wo ja der Surf-Bär steppen soll, und das tut er dort auch. Von Daddys, die geduldig ihrem Sohnemann das Surfen beibringen, zu Touris, die zwei Stunden Surfunterricht gebucht haben bis zu Wannabees und ziemlichen Cracks gibt es dort alles zu beobachten. Dann gings noch in die Manly Gallery (gratis) und, da wir ziemlich erschöpft waren und noch an unserem Blog arbeiten w/sollten, statteten wir dem unwirklichen bayrischen Oktoberfestspunten beim Fährhafen noch einen Besuch ab, um den Laptop unter Strom zu setzen (wir hatten mehr oder weniger die elektronischen Wertsachen alle den ganzen Tag mitgeschleppt, falls es doch jemandem einfallen sollte, unseren Camper aufzubrechen). So verspätet, erhaschten wir dafür vor der Abfahrt noch einen Blick auf die herzigen kleinen Pinguine, die unter dem Pier wohnen und bei Dämmerung am Strand spazieren gehen (leider ohne Foto).

Auf der Fähre machten wir noch die nette Bekanntschaft mit drei Damen, die aufgetakelt waren für ihren Besuch in der Oper (deren Akustik ja leider miserabel sein soll); da waren wir ganz kurz bitz neidisch, denn so ein Operhausbesuch wär ja schon auch nett gewesen, aber ohne Vorbuchung wohl illusorisch. Dafür bestätigten uns andere Manlybesucher aus Adelaide, dass also die Wellen von Manly Beach DER Ort sind, um Surfen zu lernen, ohne allzu hart bestraft zu werden (it’s as easy as it gets). Janu, wir können halt einfach nicht alles machen, da bräuchten wir schon ein Jahr Zeit in Australien … (Scheff, können wir noch bleiben?)

Blieb also noch unser Nachtessen in Chinatown, das wir uns vorgenommen hatten. Der Weg dahin war allerdings regenbedingt rutschig und beschwerlich, den die Trottoirs Sidneys sind wahrlich nicht Crocs-freundlich. Wir streunten also hungrig, doch unentschlossen von Beiz zu Beiz, und wenn man keine Musse hat, kommt es halt selten wirklich gut bei der Restaurantwahl in einer Grossstadt. Wir hatten jedenfalls kein Glück mit unserem Japaner, das Essen war unnatürlich schnell da und das Fleisch von der sehr minderwertigen Sorte, aber wenigstens gut magenverträglich. Etwas enttäuscht bliesen wir zum Rückzug aus der grossen Stadt und machten, dass wir zurück zum Bahnhof und nach Blackheath kamen.